Titel
Rivalen fürs Leben
Von Katja Thimm
Die Bindung zwischen Geschwistern ist die dauerhafteste. Noch als Erwachsene lieben und hassen sie sich - neue Forschungen zeigen, wie Brüder und Schwestern die eigene Entwicklung prägen.
Fiete,
sieben Jahre alt, weiß längst, wem er seine noch ungeborene Schwester
verdankt. "Die bringt ein Samen mit Flosse dran." Für Greta, drei, ist
auch alles klar: "Unser Bruder wird ein Junge." Janick, ebenfalls drei,
zweifelt noch am Wunder des Lebens. "Eierstöcke? In Mamas Bauch? Mit
Spiegelei?"
Ein Samstag in Hamburg, morgens um elf. Im Allgemeinen Krankenhaus
Altona üben zehn Jungen und Mädchen zwischen drei und sieben Jahren für
den Ernstfall: Leben mit dem neuen Kind.
Das Programm ist anspruchsvoll, und Fiete, Greta, Janick, Emma,
Melissa, Liberty, Sebahat, Lena, Jacques und Nele sind bemerkenswert
unerschrocken: Mit freundlichem Interesse betrachten sie die
Körperquerschnitte einer Aufklärungsfibel, besichtigen die
Geburtsbadewanne im Kreißsaal, streicheln auf der Wochenbettstation ein
Neugeborenes, baden Gummipuppen, windeln Gummipuppen, stecken
Gummipuppen in Strampelanzüge und tragen sie, die eine Hand unterm
Gummipuppen-Kopf, die andere unterm -Po, so vorsichtig umher, als wären
sie lebende Säuglinge.
"Gut so", sagt Jasmin Szameitat, "ihr werdet euren Eltern prima helfen."
Seit über drei Jahren leitet sie die "Geschwisterschule"; mindestens
einmal im Monat bietet sie das mehrstündige Kinderseminar an. Lernziel:
Vorbereitung auf die neue Rolle.
Auf der Warteliste stehen die Namen dicht gedrängt, so ist es auch bei
den Geschwisterschulen in Rostock, Nürnberg oder Berlin. "Alles dreht
sich in den Familien um das kommende Baby", meint Szameitat. "Da muss
man den anderen Kindern vermitteln, dass sie genauso wichtig sind. Dass
sie helfen können; und wenn sie bloß das Klebeetikett von der
Babywindel abziehen."
Denn verliefe alles nach den Regeln der Psychoanalyse, müsste Janick
und Fiete demnächst das "Entthronungstrauma" ereilen: Den
Erstgeborenen, bislang unangefochtene Kronprinzen oder
Kronprinzessinnen am elterlichen Hof, steht die Entmachtung bevor.
Demnächst werden sie um Zuwendung, Zeit und Zärtlichkeit konkurrieren -
mit schrumpeligen Wesen, die sich für lange Monate weitaus
hilfsbedürfter anstellen werden als sie selbst. Immer wieder werden sie
sich zurückgewiesen fühlen - und alles tun, um die Aufmerksamkeit der
Eltern zurückzuerobern.
Eine Vierjährige füttert ihren kleinen Bruder mit Desinfektionsmitteln
und will ihn anschließend aus dem Fenster schmeißen. Ein Sechstklässler
spricht nicht mehr, ein Sechsjähriger macht wieder ins Bett und
verlangt nach sorgsamer Puderpflege am Po, ein Siebenjähriger ist mit
einem Mal hyperaktiv, eine Fünfjährige verprügelt ihren Kater und würde
am liebsten den Bruder schlagen - lauter Verzweiflungstaten,
nachzulesen in den Patientenakten zahlreicher Kindertherapeuten.
In den ersten neun Monaten nach der Geburt ihres Geschwisters verhalten
sich die Kinder noch vergleichsweise unauffällig; laut einer Studie des
Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nähern sie sich gar
"überwiegend positiv" dem Baby. Doch kann es erst mal mehr als
schlafen, weinen und trinken, wissen sie nicht ein noch aus.
"Ich bin vier Jahre alt, und eine fette, missgestaltete Person spielt
plötzlich die Hauptrolle", erinnert sich der schwedische Filmregisseur
Ingmar Bergman; fortan habe er Pläne gemacht, "wie man das abscheuliche
Geschöpf auf verschiedene Weisen umbringen kann".
Ein großer Bruder oder eine große Schwester zu werden, sei "sehr, sehr
schwierig", sagt auch der französische Kinderpsychologe und Buchautor
Marcel Rufo*. Alle Welt gerate in Verzückung über die Schreie, das
Lächeln, ja sogar die Exkremente - und man selbst müsse trocken, artig
und ruhig sein. Der Erstgeborene, meint Familienforscher Kurt Kreppner
vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, erlebe Gefühle wie die
erste Frau eines Mannes in einer polygamen Gesellschaft: Irgendwann
zieht die Zweitfrau ein, und der Mann kümmert sich nicht nur permanent
um sie, sondern verlangt dafür auch noch Verständnis.
Von einem "Trauma der Erstgeborenen", einer dauerhaften Verletzung der
Seele, mag Horst Petri, externer Hochschullehrer für Psychotherapie und
Psychosomatik an der Freien Universität Berlin, dennoch nicht sprechen.
Ältere Geschwister wie die Politiker Hans-Jochen Vogel und Otto Schily,
der Schauspieler Ben Becker oder die Bundeskanzlerin haben sich ja ganz
gut gemacht.
Und im Übrigen leiden auch die Kleinen - hineingeboren in eine
klassische Hase- und-Igel-Situation: Auf lange Sicht können sie sich
anstrengen, wie sie wollen: Mindestens einer ist immer schon da, der
mehr Kraft in den Fäusten und mehr Worte im Kopf und mehr Spiele im
Schrank hat. Der alles besser weiß und kann - oder zumindest meint, er
wisse und könne alles besser. Der einen bis zur Weißglut reizt und der
doch innigste Geheimnisse mit einem teilt wie das abendliche
Holzwürmchenspiel oder ein Rezept für Almdudler mit Johannisbeersirup
und Marzipanraspeln.
Millionen Menschen wissen, wovon die Rede ist. Zwar wächst in
Deutschland inzwischen jedes vierte Kind ohne Bruder oder Schwester
auf; doch über 14 Millionen Jungen und Mädchen und noch weitaus mehr
Erwachsene bereiten sich jeden Tag als Geschwister Freud und Leid.
Daneben müssen sich immer mehr Kinder in Pflegefamilien,
Adoptivfamilien und Patchwork-Familien auf nichtbiologische "soziale
Geschwister" einlassen. Bereits jeder zehnte erlebt die Scheidung der
Eltern - und verlieben Vater und Mutter sich neu, bekommen ihre Kinder
plötzlich fremde Geschwister: 850.000 Jungen und Mädchen leben laut
einer Studie des Bundesfamilienministeriums in Stieffamilien.
Wie beeinflussen Brüder und Schwestern einander? Wo liegen die Wurzeln
ihrer Hassliebe? Wieso sind leibliche Geschwister - aufgewachsen mit
denselben Eltern, demselben Schokopudding und demselben Abendgebet - so
verschieden? Was verbindet, was trennt Jungen und Mädchen in
Patchwork-Familien? Fühlen sich die Mittleren wirklich von zwei Seiten
gedeckelt wie ein Sandwich? Was ist unverwechselbar an Zwillingen? Sind
Einzelkinder ärmer dran, sind Brüder toller, sind Geschwisterkurse
Schickschnack? Und: Welchen Geschwisterkult treiben andere Völker?
Seit Mitte der achtziger Jahre erst spüren Psychologen, Biologen,
Genetiker und Ethnologen diesen Fragen nach. Sie führen Interviews,
lassen Fragebögen ausfüllen, zeichnen Hunderte Stunden Familienleben
mit Kameras auf und analysieren das Verhalten von Vater, Mutter,
Kindern.
"Noch sind wir am Anfang", sagt Hartmut Kasten, Wissenschaftler am
Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik und Autor mehrerer Bücher
zum Thema. "Noch geht es uns wie Stellwerkern auf einem riesigen
Rangierbahnhof: Wir ersinnen Theorien, entwickeln Konzepte, laufen oft
ins Leere und stellen die Weichen neu."
Die Wissenschaft habe das Thema lange missachtet, kritisiert Jürg
Frick; er ist Psychologe an der Pädagogischen Hochschule in Zürich:
"Nun erleben wir einen Aufbruch."
Was die Forscher bereits wissen, widerspricht vielen aufrechten Überzeugungen und liebgewonnenen Klischees:
Jedes
Geschwister-Dasein bedeute ein "hochkomplexes Gefühlswirrwarr", fasst
Wissenschaftler Frick zusammen, der darüber ein Buch mit dem Titel "Ich
mag dich - du nervst mich!" geschrieben hat*. "Brüder und Schwestern
bilden die erste soziale Gruppe, in die ein Kind sich einfügen muss."
Bei ihnen lernten sie das ganze Spektrum menschlicher Gefühle wie
Liebe, Hass, Freude, Trauer, Rivalität oder Enttäuschung. "Und sie
merken, wie ambivalent Beziehungen sind: Hass und Liebe können
stündlich wechseln."
Das Kinderzimmer als Trainingslager, Geschwister als Sparringspartner
für alle Siege und Niederlagen der frühen Persönlichkeitsbildung. Kaum
etwas bleibt ihnen verborgen: nicht die erste Nacht ohne Windel, nicht
die ersten Pubertätspickel, nicht das erste "mangelhaft" in Mathematik.
Keiner weiß so zielsicher eine 13-Jährige zu treffen wie der jüngere
Bruder morgens beim Frühstück: "Wenn ich so dicke Schenkel hätte wie
du, ich würd mich nicht in die Schule trauen."
"Geschwister als Sparringspartner - das Kinderzimmer als Trainingslager."
So viel Nähe erzeugt, was Psychologen "Tiefenbindung" nennen - und die
hält lange an. "Die Geschwisterbeziehung", sagt Frick, "ist die
dauerhafteste eines Menschen." Eltern sterben, Partner und Freunde
kommen und gehen, doch Bruder und Schwester bleiben einem in der Regel
lebenslang erhalten.
Bereits ein Siebenjähriger verliert seinen Kumpel, wenn er sich
unablässig bockig anstellt. Den Bruder aber wird kein Kind los. Brüder
und Schwestern lassen sich lange strapazieren.
In Glücksfällen ergänzen und unterstützen sie einander als eingespielte
Teams: Jan Ullrich und sein Bruder Stefan, seit langer Zeit Mechaniker
des Radrennfahrers; die öffentlichkeitsscheuen Discount-Milliardäre
Theo und Karl Albrecht von Aldi-Nord und Aldi-Süd; Charlotte, Emily und
Anne Brontë, Schriftstellerinnen im viktorianischen England; oder John
Fitzgerald und Robert Kennedy: Als Wahlkampfleiter verhalf der Jüngere
dem Älteren mit zum Präsidentschaftssieg.
Unter tragischen Umständen müssen sie Verrat üben wie David Kaczynski,
der 1996 den Aufenthalt seines älteren Bruders preisgab. Ted, bekannt
geworden als "Unabomber", hatte in den USA mit Briefbomben mehrere
Menschen getötet.
Oft begegnen sie sich bis ins hohe Alter in den als Kind erprobten
Rollen: groß und klein, gescheit und dumm, schön und unscheinbar. Die
große Schwester, die den kleinen Bruder schon immer an alles meinte
erinnern zu müssen, ermahnt ihn noch als 50-jährigen Konzernmanager,
Tante Ulla zum Geburtstag zu gratulieren. Die Jüngere, die sich immer
benachteiligt fühlte, spürt als 60-Jährige endlich Gerechtigkeit, weil
sich ihr Hals langsamer in Falten legt als der ihrer Schwester - und
reibt es ihr lächelnd beim ersten Schluck Champagner auf das neue Jahr
hin.
Felix Mendelssohn-Bartholdy fürchtete um seinen Starstatus als
Komponist und verbot seiner Schwester Fanny, eigene Werke zu
veröffentlichen. Erst kurz vor ihrem Tod widersetzte sie sich dem
Älteren. Thomas Mann, längst als Schriftstellergenie gefeiert, mäkelte
ätzend an den Romanen des älteren Bruders herum. Der unterschwellig
Homosexuelle ertrug es zeitlebens nicht, dass Heinrich seine Begierden
ohne Rücksicht auf Konventionen auszuleben wagte und Frauen in den
Randbezirken der bürgerlichen Sphäre suchte.
Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester des Philosophen, beließ es
nicht bei Mäkelei: Die Antisemitin spitzte die Manuskripte Friedrichs
mit judenfeindlichen Passagen zu. "Die Behandlung von Seiten meiner
Mutter und Schwester flößt mir ein unsägliches Grauen ein", schrieb der
psychisch kranke Nietzsche.
Nur selten findet sich so unverbrüchliche Treue wie die der Sophie
Scholl. 21jährig folgte sie dem älteren Hans nach München und verteilte
für ihn die Flugblätter der "Weißen Rose". Als die Geschwister wegen
ihres Widerstands gegen Hitler verhaftet wurden, sagte sie dem
Pflichtverteidiger: "Wenn mein Bruder zum Tode verurteilt wird, so darf
ich keine mildere Strafe bekommen."
Wie ein Mensch denkt und fühlt, wie er seinen Partner auswählt und mit
ihm umgeht, was er mag und verabscheut, kurz: alles, was ihn ausmacht,
hinge weitaus mehr von seinen Brüdern und Schwestern ab, als viele
Menschen annehmen, meinen die Forscher heute.
"Geschwister", sagt der Zürcher Psychologe Frick, "haben Macht. Man
kann zu ihnen keine Nicht-Beziehung haben. Man hat so viel Zeit
miteinander verbracht. Selbst wenn man sich überwirft und nicht mehr
miteinander spricht: In Gedanken wird man sie nicht los." Brüder und
Schwestern beschäftige ihr Leben lang ein menschliches Grundthema: "Sie
suchen die Anerkennung des anderen."
Und dabei strapazieren sie einander - seit je finden sich in allen
Kulturen Geschichten über ihren Zwist und Hass. "Ich habe große Rechte,
über die Natur ungehalten zu sein", wütet Franz Moor in Friedrich
Schillers Rebellionsstück "Die Räuber". "Warum bin ich nicht der Erste
aus dem Mutterleib gekrochen?"
Im Alten Testament erschlägt Kain seinen Bruder Abel, weil er ihm
Gottes Wohlwollen nicht gönnt. Jakob überlistet Esau und bringt den
Älteren für ein Linsengericht um das Erstgeborenenrecht; Jakobs ältere
Söhne verkaufen Josef, Vaters Liebling, aus Missgunst in die Sklaverei.
Im Neuen Testament wütet der gehorsame gegen den rebellischen Bruder,
weil der Vater den "verlorenen Sohn", das Problemkind, ebenso
großherzig aufnimmt wie ihn, den Vorzeigejungen.
Burlesker die Szenen in den Mythen der Ägypter und Griechen: Seth
ermordet seinen Bruder Osiris gleich zweimal; Atreus schlachtet aus
Rache die Kinder des älteren Thyestes und setzt sie ihm zum Mahl vor.
Die
deutschen Märchen umspielen neben Neid und Hass andere zeitlose
Geschwisterthemen: Hänsel und Gretel, im Hexenwald auf Gedeih und
Verderb einander ausgeliefert, stehen für die innige Verbundenheit
zwischen Geschwistern, wie sie sich symbolisch im Bruderkuss oder in
den Schwesternschaften der Nonnen wiederfindet. Aschenputtel leidet
unter der Stiefmutter und den Patchwork-Schwestern; das Schicksal von
Goldmarie und Pechmarie erzählt eine Menge über Schwestern, Konkurrenz
und Erfolg.
Nur endet die Wirklichkeit zuweilen nicht wie im Märchen: Ein
15-jähriger Münchner ermordet seinen 11-jährigen Halbbruder mit einem
Messer, Motiv: Eifersucht; eine 30-jährige Kölnerin verlässt einen Mann
nach dem anderen, weil sie von ihrem Bruder geschlagen wurde; ein
Hamburger, als Ältester in einer Patchwork-Familie aufgewachsen,
verweigert die Fortpflanzung - er hasse seither kleine Kinder, erzählt
er seiner Therapeutin.
"Wir müssen die Beziehungsmuster zwischen Geschwistern besser
verstehen", sagt der Münchner Professor Kasten, "denn zuweilen sind sie
Ursache krankhafter Gemütszustände." In der psychologischen Ausbildung
werde das Thema noch immer unterschätzt, kritisiert auch der Zürcher
Wissenschaftler Frick.
Selbst die Psychoanalytiker, wie kaum eine Zunft an tiefen Bindungen
interessiert, haben sich verblüffend lange nicht um Brüder und
Schwestern gekümmert. C. G. Jung, der als Vater der Analytischen
Psychologie gilt, widmet Geschwistern kaum ein Wort.
Der Begründer der modernen Tiefenpsychologie Sigmund Freud, als
ältestes von acht Kindern von der Mutter "mein goldener Sigi" genannt,
beschäftigte sich hauptsächlich mit der Bindung zwischen Eltern und
Kind. Geschwister bedeuteten ihm vor allem Staffage für die eigene
Rolle: "Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so
behält man fürs
Leben jenes Eroberergefühl und jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht."
Immerhin: Sein Widerpart Alfred Adler machte sich in den zwanziger
Jahren bestechend einfache Gedanken. Der Charakter eines Kindes, so der
Urheber der Individualpsychologie, hänge ab von dessen Platz in der
Geschwisterfolge. Der Erstgeborene: traditionell, konservativ,
rechthaberisch; der Mittlere: in sich ruhend, frei, ungebunden; der
Letzte: ein seltsamer Außenseiter.
Vor wenigen Jahren veröffentlichte der US-Wissenschaftshistoriker Frank
Sulloway eine Systematik, die weltweit Aufsehen erregte. In mehr als 20
Jahren hatte er über 6000 Lebensläufe aus den vergangenen fünf
Jahrhunderten untersucht.
Seine Frage: Warum wird ein Rebell zum Rebellen, ein Kreativer zum Kreativen, wie gelangt ein Mächtiger zur Macht?
Seine Antwort: Die Rebellen rebellieren schon als Kleinkinder. Sie
müssen sich als Spätgeborene durchsetzen und ihre Ideen gegen die
hergebrachte Familientradition durchboxen. Die Erstgeborenen aber, die
mit einem Vorsprung an elterlicher Zuwendung aufwachsen, entwickeln
sich zu mächtigen, selbstsicheren, verantwortungsbewussten, aber auch
konservativen Menschen - ihnen hat das bewährte Familiensystem ja nur
das Beste gebracht.
Sind Einzelkinder verhätschelt, sozial gestört oder doch großartig?
Unter den Ältesten fand Sulloway Mächtige wie Robespierre oder
Mussolini. Die Visionäre mit ungewöhnlicher Idee entdeckte er bei den
Jüngeren: Mahatma Gandhi oder Karl Marx.
Und der Astronom Galileo Galilei? Erstgeboren und dennoch ein Rebell.
Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Hilmar Kopper: Alle miteinander
Visionäre, da jünger als ihre Geschwister? Ist der Sänger Herbert
Grönemeyer kreativer als sein ältester Bruder Dietrich, der
Tumorspezialist und Buchautor? Und Jeb Bush, jüngerer Bruder des
amerikanischen Präsidenten George Walker und republikanischer
Gouverneur von Florida: ein Rebell? Wer wird den Weizsäcker-Brüdern
gerecht, wenn er den Staatsmann Richard für kreativer hält als Carl
Friedrich, den Physiker und Philosophen - nur, weil der ehemalige
Bundespräsident acht Jahre jünger ist?
Im Lichte der zeitgenössischen Forschung sind Sulloways Thesen
überholt, kritisiert Geschwisterforscher Kasten. "Seine Daten stammen
aus einer Zeit, in der die Lebensläufe statischer waren." Der Ältere
bekam eine ordentliche Schulbildung und erbte; die Mädchen blieben ohne
Abitur; die jüngeren Söhne mussten nach der Volkschule allein
weiterkommen. "Allerdings konnten sie deshalb auch leichter aus der
Reihe tanzen. Sie mussten sich nicht um den Fortbestand des
Familienerbes kümmern."
Vielleicht gelten Sulloways Zuordnungen noch in traditionellen
Kulturen, in denen Kinder sich nach einem festgefügten Wertekanon
verhalten, räumt Frick ein. "In modernen Industriegesellschaften
allerdings fehlt ihnen die Grundlage."
Der Erziehungsstil ist partnerschaftlicher und demokratischer geworden,
die Geschwisterzahl bei rund 1,5 Kindern pro Familie viermal so klein
wie um 1900, dafür der Zuwachs an Geschwisterarten groß:
Halbgeschwister, Stiefgeschwister, Pflegegeschwister,
Adoptivgeschwister, mit dem Sperma eines Fremden künstlich gezeugte
Geschwister. Sie leben bei Vater und Mutter, pendeln zwischen Vater und
Mutter, wohnen beim Vater und dessen zweiter Frau, beim Vater und
dessen dritter Frau, bei der Mutter und ihrem neuen Freund, beim
ehemaligen Freund der Mutter, die auszieht, um mit einem anderen
zusammenzuziehen.
Bevölkerungswissenschaftler zählen mitt- lerweile mehr als 20 Typen
möglicher Familienformen für ein Kind. Und jeder neue Bruder, jede neue
Schwester im Patchwork bringt die bisherige Rangordnung in der
Geburtenfolge durcheinander.
Heißt es also, alles Schubladendenken aufzugeben? Sind ältere
Schwestern doch nicht strebsamer als jüngere Brüder, dominiert der
erstgeborene Zwilling doch nicht den Kompagnon, der 45 Sekunden später
den Mutterbauch verlässt? Und was ist mit Einzelkindern: verhätschelt,
sozial gestört oder doch irgendwie großartig?
Bei solchen Fragen schmunzeln Geschwisterforscher wie Kasten und Frick.
"Verallgemeinernd und dem menschlichen Bedürfnis nach einfachen Mustern
entsprechend, können wir nur Tendenzen formulieren", erklärt Kasten mit
der Vorsicht des Wissenschaftlers. "Immer vorausgesetzt", sagt sein
Schweizer Kollege, "dass alles auch ganz anders sein kann."
Doch in der Regel gilt:
Lori
und Reba Schappell können sich eine Trennung nicht vorstellen. Das
beteuern beide. In den 44 Jahren ihres Lebens waren sie keine Sekunde
getrennt. Sie können nicht anders, siamesische Zwillinge, an der linken
Schläfe zusammengewachsen.
Die Amerikanerinnen aus Pennsylvania scheuen keine Öffentlichkeit;
diesen Wesenszug teilen sie. Vor Jahren schon ließen sie sich von einem
ZDF-Team begleiten, noch immer geben sie Interviews und treten auf der
Bühne auf - Reba ist Country-Sängerin und zieht die Schwester mit, die
sich manchmal in ein weißes Laken wickelt, um die Fans nicht abzulenken.
In ihren Interviews betonen sie, was sie trennt: Die eine liebt Nippes
im Regal, die andere mag es puristisch. Lori will am liebsten Kinder
adoptieren, Reba denkt nicht daran. Die eine grübelt, die andere
handelt. Reba hat ein paar Semester Medizin studiert, Lori eine
Ausbildung gemacht. Reba duscht abends, Lori morgens. Um nicht nass zu
werden, wickelt sich die andere jeweils in den Duschvorhang.
"Wollen wir wissen, woher Unterschiede rühren, müssen wir uns mehr für
die Muster menschlicher Wahrnehmung interessieren", meint
Wissenschaftler Kasten.
Jeder blicke durch seine eigene Brille auf seine Familie und seine
Umgebung, sagt auch der Zürcher Psychologe Frick. "Es gilt,
herauszufinden, wie das Brillenglas gefärbt ist und warum." Das
Selbstbild werde nun einmal vor allem von der empfundenen Wirklichkeit
bestimmt. "Ein Mensch kann sich inmitten brillanter Geschwister als
Versager fühlen, obwohl er nach allgemeinen Maßstäben gut dasteht."
Das Ansinnen ist ehrgeizig. Täglich, stündlich wirken Eltern auf
Geschwister und Geschwister auf Geschwister ein. Gleichzeitig bestimmen
Wohnortwechsel, ethnische Abstammung, Ehe- und Arbeitszufriedenheit der
Eltern, Freunde und Kontostand den Alltag. Vater, Mutter, Bruder,
Schwester: Sie alle nehmen dieses Geflecht in unterschiedlichen
Momenten unterschiedlich wahr und verhalten sich entsprechend.
Die Wissenschaftler müssten sich also alle Brillen einer Familie
aufsetzen und Lebensabschnitt für Lebensabschnitt durchsehen. Dann, so
hoffen sie, könnten sie verstehen, warum Anne die Tagesthemen moderiert
und ihr großer Bruder Martin Will Taxi fährt; warum Fernsehkoch Tim
sein Geld mit Überraschungsmenüs verdient und Schwester Alexandra
Melzer als Clown.
Was den Blick von Brüdern und Schwestern besonders prägt, haben die Forscher bereits entdeckt: Rivalität.
Grundsätzlich verlaufen Geschwisterbeziehungen in Wellen: Bis zur
Pubertät setzen sie sich intensiv auseinander; sind sie im gleichen
Alter, verbünden sie sich oft zu einer Art Kindergewerkschaft gegen die
Eltern; der Kontakt flaut ab, wenn jeder am eigenen Leben baut. Zweimal
noch finden sie wieder eng zueinander: wenn die gebrechlichen Eltern
versorgt werden müssen und wenn sie selbst alt sind - die Rückschau
aufs Leben weckt Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit.
Doch vom ersten gemeinsam verbrachten Lebensjahr an prägen Eifersucht
und Rivalität ihre Beziehung. Mit neun Monaten schon bemerkt der
Mensch, dass er andere mit Geschrei, Gebrabbel und süßem Lächeln zu
Aufmerksamkeit zwingen kann. Fortan ahnt er, dass all die anderen
schreienden, brabbelnden und lächelnden Wesen um ihn herum Rivalen
sind, und reagiert eifersüchtig.
Die Konkurrenz besteht fast immer ein Leben lang - auch wenn die
wenigsten sich so offensichtlich aus der Bahn drängeln wie
Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher seinen Bruder Ralf. Gewöhnliche
Geschwister rivalisieren um elterliche Liebe und Anerkennung, in vielen
Fällen bis zur Testamentseröffnung: Sie gilt Psychologen als letzter
Höhepunkt des geschwisterlichen Dramas um Gerechtigkeit und
Wertschätzung: Wer bekommt wie viel? Hat er diesen endgültigen Beweis
elterlicher Liebe verdient? Häufig genug endet der Termin in
fortwährendem Schweigen.
US-Präsidenten haben oft viele Brüder - erfolglose Kandidaten Schwestern.
"Rivalität unter erwachsenen Geschwistern ist schon sehr eigen",
kommentiert Wissenschaftler Kasten trocken. "Eigentlich sind das ja
ganz vernünftige Menschen." Sein jüngerer Bruder, erzählt der Forscher,
habe "nach wie vor ein Rivalitätsproblem". Mit 56 Jahren bezeichne ihn
der Vater noch als der "Kleine". "Und das macht er mir zum Vorwurf."
Das Verhalten der Eltern steuere das Verhältnis zwischen Brüdern und
Schwestern maßgeblich, meint Kasten. Und hätten sie sich einmal
überworfen, fänden sie nur schwer wieder zueinander. "Es hängt auch
davon ab, wie sie im Leben dastehen: Ist der eine dem Teufel vom Karren
gefallen und der andere hat überall Erfolg, besteht wenig Aussicht auf
Versöhnung."
Fast immer übernähmen die Geschwister die Sicht der Eltern. "Und die
unterscheiden eben doch zwischen dem Artigen und dem Trotzigen, dem
Klugen und dem Schwierigen, dem Hübschen und dem Durchschnittlichen."
Objektiv urteilen Väter und Mütter selten. Vom ersten Tag an betrachten
sie ihre Kinder voreingenommen und ordnen ihnen Eigenschaften zu,
erklären den einen Sohn zum Denker, den anderen zum Praktiker. Und die
Tochter gilt als musisch, weil sie schon als Baby immer krähte, wenn
Opa Klavier spielte.
Bereits die Wahl des Vornamens verrät häufig unbewusste Erwartungen:
Lilly soll die Kleine heißen - wie die tolle lebenslustige Tante. Und
ihr Bruder wird Henry genannt, gleich dem unbezwingbaren Cousin aus
eigenen Kindertagen. Wird Lilly dann ein Muffelkind und Henry ein
Sensibelchen, reagieren auch verständige Eltern enttäuscht. "Es ist ein
Irrtum, dass Eltern ihre Kinder auch in ihrem Scheitern immer
akzeptieren", meint Geschwisterforscher Rufo. Die Skepsis färbt ab -
auf Oma und Opa, Kindergärtnerinnen, Lehrer und die anderen
Geschwister: Der, mit dem Vater und Mutter am meisten hadern, hat
häufig überall einen schweren Stand.
Doch nicht nur die Eltern wirken charakterbildend. Geschwister streben
auch von sich aus nach Zuordnungen wie: "Paul ist unsere Leseratte"
oder "Kirstin geht so nett mit alten Leuten um".
Kinder entwickeln sich verschieden, so argumentieren die
Wissenschaftler, weil sie um ein rares Gut rivalisieren: die Zuneigung
der Eltern. "Oft suchen sie sich die ergänzende Rolle", erklärt der
Zürcher Forscher Frick. Der Bruder einer als schwierig geltenden
Schwester gebe sich eher unkompliziert; eine Schwester mit
empfindlichen Brüdern versuche ihr Glück als robuster Charakter; einem
originellen Kind folge ein eher unauffälliges nach, und einem braven,
fleißigen Kerl eine freche, faule Schwester. Die Geschwister
behinderter und kranker Kinder etwa sind oft früh selbständig und
auffallend selbstlos.
Robert Proust, der Bruder des französischen Autors Marcel, galt als
eifriges Kind ohne Esprit. Den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi,
empfindsam und zart, nannten seine robusten Brüder Heulsuse. Der
Aufklärer und Agnostiker Voltaire grenzte sich von Bruder Armand ab,
einem religiösen Fanatiker. Politiker Bernhard Vogel stritt lange für
die CDU, sein Bruder Hans-Jochen war Vorsitzender der SPD. Und Nicky
Hilton, Millionenerbin und jüngere Schwester von Millionenerbin Paris,
verdingt sich anders als die Ältere als Kreative. Sie entwirft eine
Handtaschenkollektion mit Namen "Samantha Thavasa".
"Eine meiner Patientinnen zitierte als Neunjährige beim Mittagessen mit
einem Mal Kant", erzählt Psychologe Frick. "Sie verstand nichts, aber
sie spürte, dass ihr Vater fasziniert war." Fortan hatte das jüngste
von sechs Kindern seine Rolle: Sie war die Originelle. "Sie hat
zielsicher ein freies Feld gesucht: Lesen alle Kant, macht so etwas
keinen Sinn."
Sensible Eltern, meint Geschwisterforscher Kasten, "münzen die
Rivalität unter ihren Kindern in Erfolg um und zeigen jedem eine
Nische, in der er konkurrenzlos glänzen kann". Selten gewinnen beide in
der gleichen Disziplin so viele Trophäen wie Wladimir und Witalij
Klitschko im Boxring, Venus und Serena Williams auf dem Tennisplatz
oder Alwin und Paul Schockemöhle im Springreiterparcours.
Die meisten wirklich Erfolgreichen haben von allein ihre Nische
gefunden: Maler-Brüder wie Hans und Albrecht Dürer, deren Werke zurzeit
in München hängen*, viele von ihnen Meister des Prinzips Nische: Mach
du die Porträts, ich mach die Stillleben.
Oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Sie gestand
Alice Schwarzer: "In der Tanzschule war ich ein Mauerblümchen. Ich
hatte ja diese hübschen Schwestern." Christiane entdeckte die Bücher -
Johann Wolfgang von Goethe, Konrad Lorenz. "Ich merkte immer mehr, dass
ich Interessen hatte, die ich mit den anderen nicht teilen konnte."
Oder Joseph Ratzinger: Er überließ dem älteren Bruder die musikalische
und der ihm die geistliche Nische. Nun ist Joseph Papst und Georg
pensionierter Leiter der Regensburger Domspatzen.
Bleiben Geschwister nischenlos, droht ziellose Rivalität: brüderlicher
Streit, schwesterliches Gekeife, ein Hauen und Stechen - und besonders
ungemütlich wird es dort, wo ohnehin alles fragil ist: in
Patchwork-Familien.
Bestenfalls bereichern die neuen Brüder und Schwestern einander.
Vielfach aber verfügen sie über ausreichend Energie, den gerade
entstehenden Familienverbund zu sprengen. Der Zusammenschluss gleiche
einer Transplantation in ein funktionierendes Gewebe, meint Psychologe
Rufo: Alle reagieren mit Abwehr. Zwei bis fünf Jahre dauert es in der
Regel, bevor die neuen Geschwister einander annehmen.
Wie es ihnen dabei ergeht, ist noch lange nicht erforscht. Doch die
Theorien stehen schon: Im Vergleich mit anderen Kindern entwickelten
Stiefgeschwister Defizite, so der Kerngedanke der "Defizit-These". Die
großen Probleme würden durch den Stress verursacht, der für alle
Beteiligten durch Trennung und Wiederverheiratung entstehe, lautet die
Botschaft der "Stress-Hypothese". Väter und Mütter kümmerten sich um
Stiefkinder weniger, weil die nicht das eigene Erbgut trügen, meinen
Soziobiologen.
Wie immer ist das Leben vielschichtiger.
Oft verfolgen die Kinder noch Erinnerungen an das Trennungsdrama; oft
geben sie sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der Ehe, oft sind
sie durch wahnwitzige Sorgerechtsverfahren auseinandergerissen und
sehen sich nur am Wochenende.
Nun sollen sie, manchmal über Nacht, bereit sein zu geschwisterlichen
Gefühlen für Wildfremde. Schlechte Laune und Wutanfälle sind noch die
freundlichsten Reaktionen. Einige dieser "Instant-Geschwister", denen
gemeinsame Vergangenheit und Erfahrung fehlen, beginnen zu stehlen oder
reißen aus.
Manchen Jungen und Mädchen fällt es besonders schwer, die erst in der
neuen Partnerschaft geborenen Stiefgeschwister zu ertragen. Denn die
deuten sie als Beleg für das eigene Versagen: Den neuen Kindern gelingt
es, eine Familie zusammenzuhalten - anders als dem Kind aus der
gescheiterten Ehe. "Je besser sich das neue Paar versteht, desto
heftiger streiten die neuen Geschwister", sagt Kasten. Einigermaßen
entspannt begegnen sie sich allenfalls, wenn mehr als zehn Jahre
zwischen ihnen liegen.
Den "Instant-Geschwistern" fehlt die gemeinsame Vergangenheit.
Die Psychologen kennen Ratschläge für besseres Gelingen:
Halbgeschwister fühlen sich nur zusammengehörig, wenn sie wichtige
Erlebnisse ihrer Kindheit miteinander teilen. Eltern müssten ihnen also
viel gemeinsame Zeit und viele Rituale gönnen - Mahlzeiten,
Wochenenden, Urlaube. Und bei häufigen Ortswechseln zwischen dem Dauer-
und dem Wochenend-Zuhause brauche das Kind eine sterile Schleuse, um
die Gewohnheiten des einen Haushalts abzulegen und die des anderen
anzunehmen.
Der vierjährige Oskar hat sich ein solches Ritual selbst geschaffen -
und seine Eltern spielen mit: Freitagabends in Berlin inspiziert er die
Lego-Kiste und baut eine Garage; dann erst interessiert er sich für den
Vater, dessen Lebensgefährtin und die Stiefschwester. Drei Tage später
sortiert er in seinem Kölner Kinderzimmer Matchbox-Autos, bevor er sich
wieder der Mutter zuwendet. Doch gefangen in Unterhaltszahlungen,
Umgangsrecht und Kränkungen, gelingt nur wenigen getrennten
Elternpaaren ein entspannter Umgang mit dem gemeinsamen Kind.
Zudem müssen viele Jungen und Mädchen längst in noch weiter verzweigten
Patchwork-Familien einen Platz finden. So die Kinder von Thierry und
Véronique, über die Psychologe Rufo berichtet. Die Eltern trennen sich,
Vater Thierry heiratet dann Hélène, die zwei Kinder hat. Véronique
lernt Etienne kennen, der zwei Töchter hat. Die beiden neuen Paare
bekommen beide je ein gemeinsames Kind. Sie trennen sich. Thierry
trifft auf Cécile, die ein Kind hat, und Véronique heiratet Gérard,
einen Vater zweier Kinder. Aus diesen Partnerschaften gehen je zwei
Kinder hervor. Auch Hélène und Etienne finden beide wieder einen
Partner mit Kind.
Die Eskapaden der Erwachsenen haben den Kindern von Thierry und
Véronique mittlerweile vier Halbgeschwister, neun Stiefgeschwister und
zwölf Stiefmütter und Stiefväter eingebracht.
Das Durcheinander, sosehr es irritieren mag, ist weder neu noch
außerordentlich. "In Reinform hat die Kernfamilie allenfalls im
Bürgertum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts existiert", sagt Erdmute
Alber, Ethnologin an der Universität Bayreuth. "Und Familienformen
befinden sich generell immer im Wandel."
Auch in den bürgerlichsten Kreisen wuchsen Jungen und Mädchen mit
"sozialen Geschwisterschaften" auf - nach den Kriegen sogar in großer
Zahl: Waisen- und Halbwaisen lebten bei entfernten Verwandten oder in
Kinderpensionen. Die Psychoanalytikerin Anna Freud traf in einem
englischen Kinderheim auf eine Gruppe nicht miteinander verwandter
Waisenkinder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Sie hatten
sich nach dem Tod der Eltern zusammengeschlossen und einander liebevoll
und fürsorglich umsorgt - ein Wall gegen die Erwachsenen.
Gerade mal in einem Fünftel der menschlichen Kulturen sind die Begriffe
"Bruder" und "Schwester" üblich. Und wer ihn benutzt, bezeichnet häufig
nicht nur die leiblichen Geschwister damit. Cousinen und Cousins zählen
dazu, in manchen afrikanischen Gesellschaften außerdem Freunde und enge
Nachbarn.
Auf den Gehöften der Baatombu im westafrikanischen Benin lebt eine aus
unterschiedlichsten Familien zusammengewürfelte Geschwisterschar.
Ethnologin Alber, die dort seit Jahren die Verwandtschaftsverhältnisse
erforscht, erzählt: "Die Eltern geben ihre Söhne und Töchter
grundsätzlich zu Verwandten oder fremden Leuten. Dafür nehmen sie aber
die Kinder anderer Familien auf: Frauen immer Mädchen und Männer immer
Jungen."
Für Westeuropäer mit ihren Ideen über Eltern-Kind-Bindung
unvorstellbar, für die Baatombu Alltag. "Kriegen eure Dreijährigen
keinen Knacks?", fragte Alber etwa in ihren Interviews; sie will die
Ursachen für den Kindertausch ergründen: "Die haben das doch in drei
Wochen vergessen", erhielt sie zur Antwort. "Es ist gut, wenn sie
merken, dass sie auch woanders zurechtkommen. Hauptsache, die
Pflegeeltern behandeln sie freundlich."
Der Mensch ist offenbar, so lautet die gute Nachricht für alle
Patchwork-Geschwister, auch ohne Blutsbande zu Bruder- und
Schwestergefühlen fähig.
Im Senegal bei den Mandinka beobachteten die amerikanischen
Völkerkundler Elizabeth Beverly und Robert Whittemore, dass ältere
Kinder rund um die Uhr für die Kleinen verantwortlich sind. Auch bei
den Kwara'ae auf der Südsee-Insel Malaita kümmern sich schon
Vierjährige um ein jüngeres Kind - zunächst nur stundenweise, als
Zehnjährige dann den ganzen Tag lang. Eifersucht, Konkurrenz und
Rivalität unter Geschwistern sind verpönt und werden geahndet. Oberstes
Prinzip: Freundlichkeit und Verantwortung.
"In anderen Gesellschaften wirken Geschwisterbeziehungen weniger
neurotisch, weil sie erst gar nicht den Anspruch erheben, besonders
einzigartig zu sein", sagt die Ethnologin, selbst Schwester von zwei
Schwestern. "Aber natürlich lässt sich ein so weiter
Verwandtschaftsbegriff nicht einfach auf unsere Kultur übertragen."
Die Mädchen und Frauen von der "Schwesternfinde-Agentur" haben einen
anderen Weg gefunden. Am Rosenmontag im Jahr 2000 gründete die
Kinderbuchautorin Brigitte Klose-Grigull "Big-Sister". Sie hatte einen
amerikanischen Krimi gelesen und beschlossen: Frauen wie
Privatdetektivin Carlotta Carlyle sollte es auch in Düsseldorf geben -
freiwillige große Schwestern für junge Mädchen.
Dreißig ehrenamtliche Schwesternschaften hat Klose-Grigull bislang
gestiftet; die Großen müssen älter als 18, die Kleinen mindestens 8
Jahre alt sein. Nicht nur Einzelkinder melden sich bei ihr. "Es kann
auch schrecklich sein, in einer sportlichen Familie die Einzige mit
Übergewicht zu sein."
Die Unternehmenstrainerin Caren Möhrke, nun 41, und Pamela,
mittlerweile 12, wurden vor vier Jahren in einer Pizzeria zu
Schwestern. Aufgeregt waren beide.
"Ich wollte den Draht zu Kindern nicht verlieren", sagt Möhrke. "Meine
Mutter dachte, 'ne Schwester tut mir gut", sagt Pamela. Die beiden
haben Glück. Sie mögen sich.
An manchen Tagen telefonieren sie nur, weil Schulaufgaben, Klavier- und
Geigenunterricht, Reitbeteiligung und der Hamster Pamela kaum Zeit
lassen für die große Schwester. Sehen sie sich, backen sie Plätzchen in
Carens Altbauwohnung, pflücken Holunderbeeren, kochen Gelee, gehen in
die Sauna, feiern ihre Geburtstage.
"Ich weiß mehr über sie als über meine Nichten und Neffen." Wie Pamelas
Tante fühlt sich Caren dennoch nicht - trotz des Altersunterschieds.
"Ich erinnere mich an alles noch so gut", sagt sie und zieht an Pamelas
Pferdeschwanz. "Liebeskummer, Feste, Abitur."
Die Zeiten sind rauh. Ehen brechen, Partnerschaften zerbröseln, Freunde
ziehen dem globalen Markt hinterher. Immer mehr Menschen in Europa
entscheiden sich für nur ein oder überhaupt kein Kind. Brüder und
Schwestern sind in diesem Land ein Gut, das langsam knapp wird - und
deshalb, sagen Soziologen, werden sie immer wichtiger und sind
pfleglich zu behandeln.
Der Bedarf ist groß. Caro, 12, hat einen Bogen Kinderbriefpapier in das
Schwesternfinde-Büro nach Düsseldorf geschickt: "Da ich ein Einzelkind
bin, seit ihr meine letzte Rettung. Ich wohne in Neuwied. Bitte! Ich
währe euch total dankbar! Ich hätte gerne mal 'ne ältere Schwester."